30.12.2025
Noch nie wurde ein hochrangiger Manager in den Apple-Medien so gnadenlos zerrissen wie Alan Dye. Er war bis vor Kurzem Apples Design-Chef für Software.
Und selten waren sich die Kommentatoren so einig. Ich meine hier keineswegs das übliche Geschrei in den sozialen Medien. Sondern ich meine erfahrene und seriöse Journalisten, bekannte Entwickler und ehemalige Apple-Designer. Positive Wortmeldungen sucht man vergebens. Speziell der Verriss von John Gruber ist in einer Schärfe formuliert, die in der Apple-Welt sehr selten vorkommt. Seine Kritik ist jedoch fachkundig, gut begründet und – nötig.
Konfusion
Ich komme gleich zum Inhalt der Kritik. Vorab: Hier geht es um Apples Kronjuwelen. Der Erfolg des iPhones verführt leicht zur Illusion, Apples Kronjuwelen bestünden in der Qualität und im Design der Hardware. Doch das Besondere an Apples Hardware-Design ist ja gerade, dass es nicht begriffen wird als hübsche Box, sondern als User Interface. Das radikale iPhone-Design mit nur einem einzigen Button entsprang der Idee, die Hardware aus der Sicht des User-Interfaces neu zu denken.
Genau das meinte Steve Jobs, als er sagte: »Design is not how it looks. Design is how it works.« Damit wollte er nicht sagen, dass das Aussehen unwichtig sei. Bei Steve Jobs war nichts unwichtig. Er wollte damit sagen, dass gutes Design nicht darin besteht, ein konfuses Produkt hübsch anzumalen; sondern darin, jede Konfusion zu vermeiden. Das Design ist nicht Dekor, sondern User Interface. Deswegen bekam das iPhone nur einen einzigen Button.
Möglich wurde das, weil die Designer die Funktion verstanden; und weil die Ingenieure das Design verstanden. Erst als Hardware, Software und Design untrennbar verschmolzen wurden, konnte Steve Jobs begeistert in den Keynotes ausrufen: »Only Apple can do this!«.
Merke: Ein Designer muss wissen, wie die Dinge funktionieren. Das unterscheidet ihn von einem Maler, der die Dinge einfach anmalt.
Das Design der Software kommuniziert eine Menge. Erstens: Beim iPhone war sofort offensichtlich, was man tun muss. Für den Kalender tippt man auf das Kalender-Symbol. Zweitens: Alles ist aufgeräumt, alles hat seinen Platz. Drittens: Dadurch entsteht Ruhe und Klarheit. Nichts drängt sich in den Vordergrund, nichts wird versteckt. Auch die Farben wirken aufmunternd. Alles scheint spielerisch, aber niemals albern.
Die Kontroverse
Was wird Alan Dye vorgeworfen? Es heißt, sein Design orientiere sich daran, was in Demos und auf Screenshots gut aussehe: einzelne Apps, einzelne Fenster, einfachste Anwendungen wie etwa die Anzeige eines Fotos. — Hingegen würden die Funktion und die Bedienung zu wenig beachtet. Buttons gelten als Störfaktor; man räumt sie lieber beiseite, als dem Anwender durch das Design deutlich zu machen, was er damit anstellen kann.
Die Folge: Macs, iPhones und iPads wurden immer hübscher anzusehen, aber immer umständlicher zu bedienen. Beim Mac wurden der Fenstertitel und die Button-Leiste zunächst in eine gemeinsame Fläche verfrachtet; später ließ man die Fenstertitel weg und damit auch die Fläche, die man mit der Maus anfassen kann, um das Fenster zu verschieben. Wiederum später ließ man auch die Toolbar weg: Wer braucht schon Buttons? Das Ergebnis sieht so aus:
Kein Fenstertitel, keine Flächen mehr zum Anfassen, keine Scrollbalken. Die Buttons, mit denen der Anwender interagieren soll, haben ihren eigenen Bereich verloren; stattdessen wurden sie lustlos irgendwo hingeworfen. Sie stören das Design, aber man konnte sie noch nicht vollends loswerden.
Das Bild oben zeigt ein Fenster mit den übrig gebliebenen Trümmern der früheren Titelleiste. Wenn man genau hinsieht, erkennt man noch den Titel »Drop Files«. Der Designer, der die Titelleiste fortgeschafft hat, war sich nicht im Klaren darüber, dass die Titelleiste eines Fensters unter macOS sowohl eine visuelle Ordnung herstellt (was ist das für ein Fenster, wozu gehört es) als auch eine Funktion verdeutlicht (wo kann ich das Fenster gefahrlos anfassen, wo beginnt der Bereich für den Inhalt).
Ein fensterloses Design ist für das iPhone plausibel. Aber beim Mac sind Fenster ein Organisationsprinzip. Alles basiert auf Fenstern. Man kann das nicht einfach ignorieren.
Um den dramatischen Unterschied zu demonstrieren, erlaube ich mir einen Rückgriff auf frühere Zeiten:
Man konnte sofort den Fenster-Titel erkennen. Man wusste, wo man das Fenster anfassen und bewegen konnte. Buttons und Inhalte waren sauber getrennt. Alles war übersichtlich, aufgeräumt und simpel.
Wettstreit
Seit dieser Zeit tobt ein Wettstreit zwischen zwei Lagern. Die einen sagen, Content und Chrome (Inhalt und Bedienungselemente) müssten ordentlich getrennt sein; die anderen sagen, diese klare Trennung sei altmodisch, unnötig und hässlich. Es gibt gute Argumente für beide Seiten. Durchgesetzt hat sich jedoch die zweite Gruppe.
Dieser Umbruch fand seinen Höhepunkt mit »Liquid Glass«. Es heißt, der Content solle dabei im Vordergrund stehen. Deswegen werden Buttons über den Content gelegt, sodass der Content den gesamten Hintergrund einnehmen kann.
Apple gibt sich größte Mühe, dieses Konzept irgendwie zum Funktionieren zu bringen. Weil die Buttons über dem Content logischerweise stören, macht man sie durchsichtig. Mit Reflexionen und vielen anderen Maßnahmen sollen die Buttons trotz ihrer Durchsichtigkeit erkennbar bleiben. Man spürt den Widerstreit: Sind die Buttons nun willkommen oder nicht?
Content im Vordergrund
Die Grundannahme ist vermutlich bereits falsch. Der Content steht keineswegs im Vordergrund, wenn man das komplette restliche User-Interface darüber legt. Sondern der Content gerät in den Hintergrund. Niemand würde bei dem Screenshot unten schlussfolgern, der Content stünde im Vordergrund. Sondern es wurde das komplette User-Interface auf diesen Content geklatscht.
Mal ganz praktisch betrachtet: Niemand möchte in Photoshop alle seine Werkzeuge mitten auf dem Photo platziert sehen, das er gerade bearbeitet. Dasselbe gilt für eine Textverarbeitung. Es ist eben ein Unterschied, ob man Inhalte nur betrachtet (wie auf dem iPhone, meistens), oder ob man ihn erzeugt (wie auf dem Mac, oft genug).
Deswegen hat Apple eine Vielzahl von Sonderfällen und Extra-Modi geschaffen. Was als einheitliche Design-Idee gedacht und versprochen war, entpuppt sich in der Realität als Zoo an Ausnahmen, Workarounds und Kompromissen. Apples eigene Mac-Apps ignorieren »Liquid Glass« weitgehend, und das ist vermutlich das Beste, was man derzeit tun kann. Wo es dennoch eingeführt wird, etwa beim Finder, sind die Ergebnisse umstritten. Die Fotos-App hüpft zwischen den Modi hin und her, ausgelöst durch simples Scrollen.
Manches davon sind Kinderkrankheiten. Ich komme noch darauf zurück. Aber man darf getrost die Frage stellen, ob nicht vielleicht das ganze Konzept verkehrt ist? Man kann nicht Content und Controls auf einen chaotischen Haufen werfen und sich dann überlegen, mit welchen Tricks dieser Haufen weniger chaotisch aussieht. Sondern man muss den Haufen aufräumen. Warum ist es überhaupt ein Haufen? Früher war es kein Haufen.
Das Einfache in Perfektion
Die überkomplizierte Technik von »Liquid Glass« — hier ein schnelles Umschalten der Farbe, da ein flugs abgetönter Hintergrund, dort eine reduzierte Transparenz — ändert nichts daran, dass bereits die Idee zu kompliziert ist. Apples Design steht für das Einfache, aber in Perfektion. Apple steht für die clevere Idee, bei der sich alle fragen: Wieso ist man nicht bereits früher darauf gekommen?
Jony Ive sagte einmal, dass gutes Design völlig offensichtlich wirkt. Wenn man es sähe, frage man sich: Wie könnte es überhaupt anders sein? Aber es ist sehr schwierig, ein solches Design zu finden und technisch umzusetzen. Man denke an den Home-Button des ersten iPhones.
Das neue Design wirkt, zumindest auf dem Mac, aufgezwungen. Buttons erscheinen in riesigen Inseln mit enormen Schatten, die viel zu wenig freie Fläche haben, um natürlich zu wirken. Wozu braucht man die Inseln? Wozu die Schatten? Warum scheint der Hintergrund durch?
Allein diese simple Safari-Seite zeigt in der früheren Toolbar vier (!) unterschiedliche Transparenzen: wenig (A), etwas mehr (C), noch mehr (D), und volle Kanone (B). Was soll das sein? Etwa Design? Oder ist es ein wirres Durcheinander?
Übrigens, es gibt eine fünfte Variante (E), nämlich das, was die Webseite selbst als wünschenswert erachtet: gar keine Transparenzen. Google wollte eine übersichtliche, schnell verständliche Webseite, ohne Ablenkungen. Das große Suchfeld von Google hat keine Transparenzen. Aber Apple fügt es einfach hinzu, obwohl Google es ganz bewusst vermieden hat.
Der Mac und seine Kunden
Der Vorwurf gegen Alan Dye und seine engsten Mitarbeiter besteht im Kern darin, dass sie die Geräte überhaupt nicht selbst benutzen. Sie verstehen nicht, warum die Dinge beim Mac auf bestimmte Weise funktionieren.
Der Mac ist das Werkzeug der Profis und der Kreativen. Steve Jobs erläuterte nach seiner Rückkehr zu Apple, worin Apples Stärke läge. Trotz der erdrückenden Macht von Microsoft verteidigte der Mac einen enorm hohen Marktanteil bei Profis und Kreativen. Daraus formte er seine Strategie: Der Mac und macOS sollten diesen Kunden einen Vorteil bieten. Er ließ OS X entwickeln mit seinen erstaunlichen grafischen Fähigkeiten; sowie den PowerMac G4 mit einer enorm schnellen Verarbeitung riesiger Datenmengen, wie sie für Fotos, Videos und Musik benötigt werden. Man konnte damals sehr konkret beantworten, warum der Mac für Apples Kundschaft das beste Produkt war.
Ja, Steve Jobs war oft verliebt in das Design seiner Schöpfungen. Aber er konnte stets konkret beantworten, warum es besser war.
Was genau wird durch »Liquid Glass« besser für diese wichtigen Kunden? Photoshop wird sich dem Design nicht anschließen. Final Cut Pro müsste man völlig umgestalten. In Logic Pro (Apples App für Musiker) ist die Seitenleiste voller Schalter, Regler und kleiner Beschriftungen. Man kann sie nicht plötzlich durchsichtig machen. Haben denn diese Leute nie miteinander gesprochen?
2026
Alan Dye und seine Mannschaft können sich nicht auf die Position retten, dass manches ordinäre Volk eben nichts von Design versteht. Das Gegenteil ist der Fall: Auf der Mac-Plattform wird er kritisiert von Profis und Anwendern, die davon sehr viel verstehen; und die zudem wissen, was gute Software ausmacht. Deswegen war die Kritik auch so massiv und ungewöhnlich einstimmig. Es ist, als wäre endgültig eine rote Linie überschritten worden.
Dass Alan Dye und seine wichtigsten Mitarbeiter direkt nach dem wichtigsten Launch ihrer Karriere abgehauen sind zu Meta (ausgerechnet!), lässt tief blicken. Es ist nicht gerade eine Beförderung. Niemand bei Apples Design-Abteilung dachte sich jemals: »Oh, ich wünschte, ich dürfte bei Meta arbeiten!«.
Für 2026 wird interessant sein, in welche Richtung es sich entwickelt. Oft gibt es mehrere Gruppen, die um Einfluss ringen. Wird man versuchen, »Liquid Glass« auf Biegen und Brechen durchzusetzen? Oder wird man auf jene hören, die ein funktionales Design bevorzugen? Im nächsten Teil des Artikels werde ich darlegen, warum es nicht einfach so bleiben kann.
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